Abseits der Öffentlichkeit: 70 neue US-Atombomben kommen in Italien an

70 neue US-Atomwaffen auf dem Transport nach Italien, unten: Mögliche Beladung auf F16-Maschinen // CC-BY

Lokale Quellen aus Italien berichten von einer massiven Ausweitung der atomaren Bewaffnung in ihrem Land durch neue US-Atombomben. 70 Stück sollen das Land erreichen oder bereits da sein. Das ganze geschieht größtenteils Abseits der Öffentlichkeit.

Wie die Zeitung „Pordenone Il Gazzettino“ am Sonntag berichtete1, rüsten die Vereinigten Staaten von Amerika in diesen Wochen ihre nuklearen Kapazitäten in Italien massiv auf. Zwar sei offiziell nur von einer „Erneuerung“ die Rede, doch dabei komme es auch zur Lieferung neuer Atomsprengköpfe. Konkret soll es um den Typ B61-12 gehen, der auch in Deutschland die „alten B-61 Bestände ersetzen“ soll.

Die Berichte und Bilder stammen aus der Militärbasis der US-Airforce in Aviano, wo 50 neue Atombomben hergebracht worden seien sowie in Ghedi, wo es konkret um 20 neue Sprengköpfe geht. Der dazugehörige Pentagon-Bericht, der euphemistisch von vager „Erneuerung“ sprach, wurde vor zwei Wochen veröffentlicht.

Die Aufrüstungen sollen sogar so massiv sein, dass eine Satellitenanalyse durchgeführt werden soll, um mögliche „Bedrohungspotentiale von Außen“ erneut zu kalkulieren. Unter anderem sollen nun doppelte Barrieren im Bunker eingebaut und der Sicherheitsbereich vergrößert werden. Das berichtet die Lokalzeitung „Piovegovernoladro“ unter Berufung aus internen Quellen.2

US-Airforce Basis in Aviano / public domain
US-Airforce Basis in Aviano / public domain


Die Aufrüstung ist Teil der neuen US-Nuklearstrategie, die sich gegen Russland wendet.  Diese beinhaltet hauptsächlich den Ausbau nuklearer Bedrohungsmöglichkeiten in Europa. Schon seit längerem bereitet die NATO unter der Federführung der USA eine neue aggressivere Nuklearstrategie vor, um der „Aggression Russlands“ zu begegnen. Das erfuhr der britische „Guardian“ aus Nato-Quellen. Nato-Vertreter ließen wissen, dass die Änderungen die stärkere Einbeziehung von Einheiten für nukleare Kriegsführung in laufende Manöver an den Grenzen Russlands sowie neue Richtlinien für eine nukleare Eskalation gegen Russland betreffen sollen.

Es gibt eine ersthafte Sorge darüber, wie Russland sich öffentlich zu Nuklearfragen äußert. Daher gibt es in der Allianz eine ganze Menge Überlegungen über Atomwaffen“, sagte ein ungenannter Nato-Diplomat dem „Guardian“.3

Dazu passt das neue ukrainische Gesetz mit der Bezeichnung „Gesetz über die Bedingungen der Streitkräfte anderer Staaten auf dem Territorium der Ukraine“, über das wir vor zwei Wochen berichteten. Darin heißt es, dass eine Stationierung von Nuklear- und Massenvernichtungswaffen auf dem Boden der Ukraine „bis zum Erreichen des Stationierungsziels“ legal ist. Vorher war dies per Gesetz ausgeschlossen.4

NATO-Mitgliedstaaten dunkelblau, Beitrittskandidaten hellblau, zugesagte Einladung grün, kein Beitritt geplant rot // Patrickneil
NATO-Mitgliedstaaten dunkelblau, Beitrittskandidaten hellblau, zugesagte Einladung grün, kein Beitritt geplant rot // Patrickneil


Nun sollen auch in Mitteleuropa die nuklearen Bedrohungsszenarien ausgebaut werden, wie das ZDF-Magazin frontal21 berichtet. „Auf dem Bundeswehr-Fliegerhorst Büchel in Rheinland-Pfalz beginnen in diesen Tagen die Vorbereitungen für die Stationierung neuer amerikanischer Atombomben. Das belegen USHaushaltspläne, die dem ZDF-Magazin „Frontal 21“ vorliegen (Sendung am Dienstag, 22. September 2015, 21.00 Uhr). 

Danach stehen im Haushalt der US-Luftwaffe ab dem 3. Quartal 2015 Gelder für die Integration des neuen Atombombensystems B 61-12 auch in die deutschen TornadoJagdbomber bereit.  Im Kriegsfall sollen deutsche Tornado-Piloten im Rahmen der NATO-Strategie der sogenannten „Nuklearen Teilhabe“ Angriffe mit den US-Bomben fliegen.5

Diese Aktivitäten sind vor allem im geopolitischen Zusammenhang zu sehen. So formulierte der Direktor der renommierten US-Denkfabrik „Stratfor“ George Friedman im März 2015 die Außenpolitischen Ziele der USA in Bezug auf Russland folgendermaßen: „Es geht darum einen immer engeren politischen und militärischen Sicherheitsgürtel um Russland und China zu bilden.“ 

Auch der Journalist Peter Scholl-Latour schildert in seinem Buch „Russland im Zangengriff„, wie stark die US-Außenpolitik auf „containment“, also Eindämmung, des russisch-chinesischen Einflusses ausgelegt ist. Er beschreibt bereits im Jahr 2007 die Ukraine als Schlüsselstaat in diesem Vorhaben. Den politischen Zuspruch der Ukraine hat der Westen bereits erlangt. Mit dem neuen Gesetz folgt nun auch noch der militärische – und das völlig ohne Berichterstattung westlicher Medien.



Quellen
1Lisetto, Davide: Gli Usa si preparano a cambiare le bombe nucleari nella base, 04.10.15, in: Pordenone Il Gazzettino, http://www.ilgazzettino.it/NORDEST/PORDENONE/bombe_nucleari_base_usaf
_aviano/notizie/1602753.shtml
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2Piovegovernoladro, Arrivano in Italia le nouve bombe atomiche USA (70 testate), nin ti senti piu sicuro?, 04.10.15, http://www.piovegovernoladro.info/2015/10/04/nelle-basi-usa-verranno-sostituite-le-bombe-nucleari-con-altre-piu-tecnologiche/.
3MacAskill, Ewen: Nato to review nuclear weapon policy as attitude to Russia hardens, 24.06.15, in: Guardian, http://www.theguardian.com/world/2015/jun/24/nato-to-review-nuclear-weapon-policy-as-attitude-to-russia-hardens.
4Pax, Wilhelm von: Ukraine beschließt neues Gesetz: Westen darf Atomwaffen in der Ukraine stationieren, 09.07.15, in: NEOPresse, http://www.neopresse.com/europa/ukraine-beschliesst-gesetz-westen-darf-atomwaffen-in-der-ukraine-stationieren/.
5frontal21, ZDF-Magazin „Frontal 21“: Stationierung neuer US-Atomwaffen in Deutschland beginnt, 21.09.15, in: ZDF, http://www.zdf.de/ZDF/zdfportal/blob/40196436/2/data.pdf.

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