Fußball ist falsch

Fußball ist politisch. Das war die Kernaussage und der Titel unseres letzten Artikels. Wir haben darin geklärt, dass beim Fußball gegnerische Mannschaften aufeinandertreffen und somit eine Unterscheidung in “sie” und “wir” stattfindet.


Diese Differenzierung ist das grundlegendste Merkmal der Politik, was Fußball, wie jede anderen Lebensbereich auch, politisch macht. Entgegen der gesellschaftlichen Meinung ist es unmöglich Politik und Sport zu trennen, da Sport immer auch politische Inhalte enthält und vermittelt. 

Mit den Stichworten Überfremdung, Ablenkung, Verdummung, Systempatriotismus und Kapitalismus lieften wir euch einige Ansätze, die unseren Standpunkt untermauern sollten. Den letzten Punkt wollen wir heute etwas genauer unter die Lupe nehmen. Die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien bietet uns dazu eine wunderbare Gelegenheit.
 
Sehnsüchtig glänzen die Augen, die gebannt auf das flackernde Quadrat an der Wand starren. Aus den Lautsprechern dröhnen dumpfe Sprechchöre, die von den Tribühnen in Manaus direkt in das Bozner Wohnzimmer strömen. Eine Mischung aus frischem Schweiß, Bier und frittierten Zwiebeln liegt in der Luft, als als der Fuß des Stürmers – endlich – den Ball ins Netz des Gegners knallt. Ein gurgelnder Laut quetscht sich aus den mit Schokolade gefüllten Mund des Glatzkopfes hervor, der in seinem Lehnsessel vor dem Fernseher sitzt. Krampfhaft versucht er das Erstickungsgefühl durch Freude zu überlagern, während er Nussstückchen auf den staubigen Teppichboden spuckt und sich schwerfällig von seinem Thron erhebt. Er hat gewonnen.

Etwa 10.000 Kilometer westlich steht Josue auf einem Müllsack, der die Spitze einer aus Abfällen bestehenden Barrikade bildet. Zwanzig Meter vor ihm stehen Männer mit Westen und Schildern. Dazwischen eine brennende Grenze, die den Geruch von schmelzendem Plastik abwechselnd Josue und den Polizisten ins Gesicht bläst. Der 23-Jährige blutet am linken Arm. Eine Kugel hat ihn gestreift. Sein anderer Arm umfasst eine Fahnenstange. Zorn spiegelt sich in seinen Augen. Ob Josue nicht weiß, dass “seine Mannschaft” gerade gewonnen hat?


Während Abermillionen begeistert das Treiben auf den teuren, neuen Rasenflächen in Fortaleza und Natl durch ihren Fernseher beobachten, empfindet die Bevölkerung Brasiliens ganz andere Gefühle. Wut, Trauer und Hunger. Für “König Fußball” müssen Häuser und Menschen weichen, zehntausende verlieren ihre ärmlichen Hütten, ihre letzte Zuflucht. Prioritäten setzen, damit der Aufschwung kommt. Die WM bringt Geld, das, wie die angereisten Mannschaften, sorgfältig von den Menschen abgeschirmt wird. Stadien statt Bildung, Polizisten statt Ärzte. Tote Strassenkinder sind der Blutzoll für bierseelige Feierstunden vor europäischen Leinwänden. Hauptsache der Ball rollt und der Bürger schweigt. 

Während dieses Schweigen in Brasilien durch Kugeln erzwungen wird, erkauft man es sich hierzulande mit Brot und Spielen. So steht der moderne, professionelle Fußball heute nicht “nur” für überfremdete künstliche Staatsmannschaften, die von den eigentlichen Problemen ablenken sollen, sondern für die Masse an freiwillig oder unfreiwillig Schweigenden. Die Einen satt und blind für die Realität, die anderen hungrig und sehend. Beide in Ketten. Die Ureinwohner Brasiliens, die mittlerweile zur Minderheit in ihrer Heimat geworden sind und die Ureinwohner Deutschlands, die langsam zur Minderheit in ihrer Heimat werden. Doch während die Bevölkerung Brasiliens ihre Ketten langsam erkennt und einsieht, dass ihr Staat lieber in Bälle als in Menschen investiert, sitzen unsere Volksgenossen vor den Geräten, verblöden und stumpfen ab.

Fußball ist falsch. Nicht der Sport, nicht das gemeinsame Kicken auf dem Bolzplatz, Fußball als Instrument der Hochfinanz. Dieser Fußball lenkt uns von neuen beschneidenden Gesetzen ab, von der Armut, von der Zersetzung der Kulturen. Dieser Fußball propagiert die Überfremdung und den Volkstod, feiert das System und seine Vertreter und lässt sich das Ganze gut bezahlen. Wer heute unbewusst den Fernseher einschaltet ist eine Marionette im Spiel der Mächtigen. Wer dies bewusst tut und die eigentlichen Probleme gezielt übersieht, macht sich Mitschuldig. Mitschuldig am Elend der Brasilianer und am Elend der Deutschen, die in ihren Lehnsesseln ihrem Tod entgegenfiebern. Der Kapitalismus kennt keine Völker, er kennt nur Lohnsklaven und Humankapital. Ihm waren die Buren egal, die in Südafrika niedergemetzelt wurden, während im Fernsehen die Fußball-WM 2010 lief, ihm sind die Brasilianer egal, die 2014 um Leib und Leben beraubt werden. Hauptsache die Fernsehgeräte laufen und der Ball rollt.

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Etschlichter

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