Lübeck ! Die Bombennacht 1942

Der 28. März 1942 war ein Sonnabend wie jeder andere. Um 23.16 Uhr erfolgte Fliegeralarm. Selbst das war nichts besonderes, denn Lübeck hatte schon mehr als 200 Fliegeralarme hinter sich, ohne daß ernste Schäden oder Beeinträchtigungen eingetreten wären.
In dieser Nacht sollte es jedoch anders kommen. Ein britischer Fliegerverband mit 40 zweimotorigen Maschinen, der zunächst am Nordostseekanal entlang flog, steuerten mit abgestellten Motoren Trave aufwärts die Hansestadt an. Um 23:30 Uhr setzten die feindlichen Flugzeuge einen dichten Kranz strahlender Leuchtbomben rund um die Innenstadt herum, und noch in derselben Minute fielen schon Brandbomben auf die 800 Jahre alte Hansestadt herab.
Genau ist die Reihenfolge der sich schnell ausdehnenden Großfeuer nicht mehr feststellbar. Durch die vielen alten Fachwerkhäuser war Lübeck so brennend wie eine Fackel und die anfänglich kleinen Dachstuhlbrände breiteten sich schnell über die gesamte Altstadt aus.
Durch die Intensität der Flächenbrände entlud sich ein Feuersturm, dessen Hitze, Gesteinsstaub und Flugasche die Brandbekämpfung fast unmöglich machten. Hinzukam, das gegen ein Uhr durch einen Volltreffer auf die Hauptführungsrohre der Lösch-wasserversorgung in der Mühlenstraße das Wasser knapp wurde und mühselig aus der Trave und dem Kanal angefahren werden mußte. Und schließlich waren die Straßen der Innenstadt durch Gesteins- und Schuttmassen restlos versperrt, so daß die zur Feuerbekämpfung bereite Bevölkerung untätig zusah, wie ihr Hab und Gut in den Flammen unterging.
Als Lübecks Bürger nach dieser Bombennacht vor diesem grausigen Vernichtungswerk standen, welches annähernd 33.000 Bomben mit einem Gewicht von etwa 180.000 Kilogramm verursacht hatten, war weder das Ausmaß der menschlichen Not noch der baulichen Zerstörung zu übersehen.
Nichts war so wie es einmal war!
Der Schmerz saß tief und für viele wird diese Nacht für immer unvergeßlich bleiben. Die Verluste der Bevölkerung betrugen 308 Tote, 136 Schwerverletzte, 649 Leichtverletzte und 4 Vermisste. Über 15.000 Menschen wurden obdachlos. Unter großer Beteiligung der Lübecker Bürger setzte man die Opfer auf dem Ehrenfriedhof bei. Noch heute erinnern Holzkreuze an die Toten dieser Terrornacht.
Bilder des Terrors: "Bomber Harris do it again"?
Breite Straße
Dom
Dom ohne Türme
Fischstraße mit Marienkirche
Holstenstraße (vom Kohlmarkt aus)
Klingberg
Königstraße
Markt mit Rathaus
Rathaus mit Marienkirche
Rathaustreppe
Petrikirche
Marienkirche
Wahmstraße
Westfront der Petrikirche (von der Braunstraße aus)
Zeitzeugenberichte
BERICHT NR.1
Noch in der Katastrophenacht, um 4 Uhr am Sonntagmorgen, schrieb sich Erna G. ihre Erlebnisse von der Seele.
"Mein lieber Theo! Wir sind noch am Leben, ausser ein paar Fensterscheiben hat es uns persönlich nichts gekostet. Aber diese Nacht werden wir nie vergessen. Vor uns gingen die Häuser in Flammen auf, wie durch ein Wunder blieben wir verschont. Und was wird sich morgen noch alles offenbaren? Die ganze Gärtnergasse, kein Haus ist da, das nicht irgendeinen Schade erlitten hat.
Theo, was wir erlebt haben, kann ich nicht beschreiben! Es war entsetzlich. 11 ¼ bis 3 Uhr ca. haben die Tommys uns ununterbrochen bombardiert, sogar im Tiefflug über uns weg. Die Abwehr wurde immer weniger. Brandbomben hagelten nur so herunter, dann wieder Sprengbomben, sogar Luftminen sollen dabeigewesen sein. Und alles haben wir auf dem Flur erlebt. Als Alarm kam, wurde gleich geschossen, wir hätten nicht mehr rüber können.
Aber wir waren vollständig angezogen, hatten alles bei uns, drei Wolldecken, etwas zu essen usw. Wir haben dauernd mit dem Schlimmsten gerechnet, unser Haus hat gezittert. Aber was ist das schon gegenüber all dem anderen Elend, alle die armen Obdachlosen und ausgebrannten Menschen? Warum, warum, warum ?
Nun sorge Dich nicht zu sehr um uns, wir stehen alle in Gottes Hand, und das Schicksal nimmt seinen Lauf".

BERICHT NR.2
Einen ergreifenden Bericht über die blutige Nacht vom 28. auf den 29. März 1942 hat der Gefreite Walter Boye geschrieben. Er wohnte Hinter St. Petri, wo sein Vater Friedrich eine Bauklempnerei betrieb. Walter Boye schreibt:
"Ich hatte am 28. März einen Tag Sonntagsurlaub bekommen und wurde auf diese Weise Zeuge der Unglücksnacht." Er schildert dann verschiedene Hilfeleistungen bei Bränden in Häusern am Kohlmarkt und Hinter St. Petri und fährt fort: "Als ich wieder auf die Straße kam, brannten sämtliche Häuser mit Ausnahme der Nummern 11 bis 15. An der Ecke stand eine Motorspritze; ein Feuerwehrmann kam seelenruhig an und meinte: 'Tjä, dat Wader is nu all.' Das Feuer griff jetzt rasend um sich. Die Flammen lachten den Wind an und der Wind die Flammen. Das steigerte sich gegenseitig, bis die Straßen furchtbaren Öfen glichen. Wir wußten, daß auch unser Haus verloren war und begannen, die wichtigsten Sachen zu bergen. Die großen Fenster der Petrikirche zersprangen klirrend. Der Qualm wurde zur unerträglichen Qual. Die Straße war mit brennenden Balken und Mauerbrocken übersät. Einen plötzlichen Einfall folgend packte ich einen Topfkuchen, den meine Mutter eigens wegen meines Urlaubs gebacken hatte, und vier Flaschen Bier, die gerade in Reichweite standen. Zwei tranken mein Vater und ich gleich aus, denn unsere Kehlen kamen uns vor wie verrostete Gasleitungen; die anderen beiden nahmen wir mit.
Dann schlugen wir uns durch Schutt und Brand über den Hinterhof wieder zu unserem Keller durch. Wir kamen gerade rechtzeitig, um Vorhänge und Rollos von den Fenstern zu reißen. Als wir alles abgerissen hatten, brannte
das Fensterholz. Löschen war sinnlos, jeden Augenblick mußten die Scheiben zerspringen und die Flammen voll ins Zimmer schlagen. Wenig später wurde durch den Luftdruck einer schweren Bombe die Luke vom Notausgang des Kellers gerissen. Damit verqualmte der Keller in wenigen Augenblicken so stark, daß er geräumt werden mußte.
Jetzt gönnte ich mir einen Augenblick Ruhe, um die Katastrophe zu überblicken. Der Kohlmarkt war mit Ausnahme von Pein ein einziges Flammenmeer. Hinter St. Petri war durch die über die Straße schlagenden Flammen gesperrt. Der Dachstuhl der Petrikirche brannte lichterloh. Nicht anders war es mit der oberen Holstenstraße, die infolge der ausstrahlenden Hitze vollkommen unpassierbar war. Das Knattern und Prasseln der Flammen, das Klirren zerberstender Scheiben, das ferne und nähere Krachen der Bomben und das Getöse stürzender Giebel mischte sich zu einem wahren Höllengesang. Dazwischen klang wie höhnisches Gelächter das Hämmern der MG.
Plötzlich gellten Hilferufe auf. Sie kamen aus dem Eckhaus Hinter St. Petri/Holstenstraße. Uns überfiel eisiger Schreck. Das Haus stand bis auf den Grund in hellen Flammen, das Treppenhaus war längst zur Asche geworden. Und am Fenster im dritten Stock stand eine Frau, sah uns stehen und rief um Hilfe. Wir hatten kein Sprungtuch, keine Leiter und mußten zusehen, wie sie umkam. Plötzlich war die Gestalt verschwunden, noch ein Ruf, dann schlugen die Flammen aus dem Fenster. Es war das Furchtbarste, was ich in dieser Nacht erlebte.
Als ich einige Geschäftsbücher in den Ratskeller brachte, fand ich dort meine Eltern wieder. Die beiden Kinder, die bisher ruhig gewesen waren, hatten sich jetzt über meinen Topfkuchen hergemacht. Ich nahm die letzte Flasche Bier, um mir die Asche aus dem Hals zu spülen. Während ich mich anfangs für einen Narren gehalten hatte, war ich jetzt doch froh, daß ich das Zeug mitgeschleppt hatte."
Danach half Boye in der Fischstraße, Alfstraße, Mengstraße, Beckergrube und am Breiten Markt bei der Rettung von Menschen und Sachgütern und faßt seine Eindrücke über die gestorbene Innenstadt zusammen: "Es war langsam hell geworden. Als ich jetzt die Gegend sah, wo wir einmal gewohnt hatten, fand ich rauchschwarze, glühende Ruinen, zum Teil nur noch Schutt. Flammen züngelten am letzten Balken, Rauch quoll aus gähnenden Fensterhöhlen, Brocken schlugen in glimmendes Gebälk, Funken stoben. Bogenlampen, Oberleitungen und Antennen sperrten mit ihren zerrissenen, verhedderten Drähten die Straßen. Dröhnend zerbrachen ein paar Giebel. Hinter Rauch und Brand war blutrot die Sonne aufgestiegen. Eine furchtbare Orgie bolschewistischer Mordlust ging zu Ende. 
Das sind meine Erlebnisse der Nacht zum Palmsonntag. Wenn ich noch etwas hinzufügen kann, dann meine aufrichtige Bewunderung für die beispiellos tapfere Haltung der Frauen und Pimpfe.


Zahlen und Fakten
Der Angriff
28. März 1942
23:02 Uhr Luftgefahr 30
(d.h. in 30 Minuten muß mit Bombenangriff gerechnet werden)
23:11 Uhr Luftgefahr 15
23:16 Uhr Fliegeralarm
29. März 1942
03:55 Uhr Entwarnung

1. Angriffsphase 23:18 Uhr bis 23:35 Uhr 6 englische Flugzeuge
2. Angriffsphase 23:40 Uhr bis 00:45 Uhr 30 englische Flugzeuge
3. Angriffsphase 01:00 Uhr bis 02:58 Uhr 70 bis 80 englische Flugzeuge

Verluste der Royal Air Force:
Hier unterscheiden sich die Angaben. Nach englischen Angaben hatte die RAF 12 Maschinen verloren. Nach eigener Darstellung soll die Lübecker Flak lediglich 3 Maschinen abgeschossen haben.

Anzahl und Gewicht der Bomben:
Etwa 33.000 Bomben mit einem Gesamtgewicht von 177,9 Tonnen. Und das alles in nur 4 Stunden auf einem Gebiet von wenigen Quadratkilometern.

Die Opfer
  • 308 Tote, darunter 57 Kinder und Jugendliche
  • 136 Schwerverletzte
  • 649 Leichtverletzte
  • 15.707 Obdachlose

Die Schäden
  • völlig zerstörte Gebäude: 1468
  • schwer beschädigte Gebäude: 2180
  • leicht beschädigte Gebäude: 9103Von 21.991 Lübecker Häusern trugen in der Angriffsnacht 12.751 (=58%) Schäden davon.

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