Emotion pur - Einsicht & Verstand fast null

Gefühle sind der Antrieb des Lebens. Doch wer gerührt ist, hat nicht auch schon verstanden. Maßlose Gefühllosigkeit ist darum nicht nur geschmacklos, sondern sogar gefährlich. 


Ins Visier, die den geistigen Verfall, die Demenz der eigenen Väter im Detail beschreiben. Nach Krebs in allen denkbaren Varianten wird das Elend der unaufhaltsamen geistigen Dämmerung zu einem bevorzugten Thema - mit guten Aussichten, einen Bestseller auf den Markt zu bringen. Für "authentisch" halten die einen solche Werke, von Schamlosigkeit sprechen andere.

Einen kritischen Blick auf die Autoren  an dieser Stelle durch einen auf die Leser, auf uns also, ergänzen. Denn der ist nicht weniger offenbarend.

Kritiker rühmen zumeist Bücher, Filme oder auch Theaterstücke, deren Autoren ihr Publikum, ihre Konsumenten, "ganz dicht" heranlassen. An den siechen Kopf und die Windeln einer einstigen Geistesgröße also, in einem anderen Fall vielleicht an das körperlich oder seelisch verstümmelte Opfer eines Verbrechens oder einer Naturkatastrophe. Was aber macht den Erfolg und die Attraktivität solcher "schonungslosen" Einblicke aus? Denn dazu braucht es nun mal Leser, Zuschauer, Käufer. Was also haben die davon und was versprechen sie sich, wenn sie "ganz nah" herangelassen werden?

Der Mensch, das mitleidende Wesen

Rührung und Ergriffenheit vor allem. Einen Schwall der Gefühle. Und hinter denen sind wir nun mal her wie der Teufel hinter der armen Seele. Ein unablässiges Wechselspiel von Neuronen und Hormonen produziert in Kopf und Körper all das Angenehme, manchmal auch Gruselige oder Traurige, die Freude und auch mal die Albernheit, all die Emotionen eben, die unserem Leben Farbe geben und das Blut durch die Adern jagen. Gefühle sind der Antrieb des Lebens und genau genommen auch sein letztes Ziel. Die guten natürlich vor allem. Aber auch für die brauchen wir Stimulierendes von außen. Was uns dann am Schicksal (fremder) dämmernder Greise reizt? Unsere eigene Reaktion vor allem. Denn spüren wir Bedauern und Mitleid mit einem solchen Menschen, dem wir nie begegnen werden, verbucht das unser Kopf als "warm glow", als überaus wohltuenden Beweis eigener moralischer Stärke und mitmenschlicher Wärme also. Es tut eben überaus gut, so gut zu sein.


Schon deshalb verwechseln wir zu oft Rührung und Einsicht. Dass in unserem Beispiel die Alzheimersche Krankheit oder sonst eine Demenz an einem zweifellos erschütternden Fall anschaulich wird, bedeutet noch lange nicht, dass wir sie deshalb auch besser verstünden. Ebenso wenig steigert es unser Verständnis von Gewalt und Verbrechen, wenn wir bei der Schilderung eines Kriminalfalles die Qualen eines Opfers in solchem Detail präsentiert bekommen, dass es uns den Magen zuschnürt. Aber wollen wir überhaupt verstehen?

Die Medien bedienen hauptsächlich Voyeure


Die meisten Medienmacher scheinen ein solches Bedürfnis zumindest in der Masse nicht zu entdecken und bedienen darum Voyeure. Wer heute Auflage und Quote machen will, versucht es mit "Emotion pur". Gefühligkeit in allen nur vorstellbaren Variationen durchsetzt die Verlagsprogramme nicht weniger als tagtäglich die der Fernsehsender. Da werden im Minutentakt die "emotionalsten Momente" einer Weltmeisterschaft oder eines Kirchentages präsentiert und spätestens zu Weihnachten die eines ganzen Jahres. Wem es in der Zwischenzeit von unzähligen Koch- oder Castingshows speiübel wird, kann in eines der zahlreichen Zoo-Programme wechseln und lässt sich dort vielleicht vom schielenden Blick eines niedlichen Opossums anrühren.
Selbst vermeintliche Bildungsprogramme kommen ohne einen satten Schuss Gefühligkeit nicht mehr aus. Keine Doku ohne Drama, keine Historie ohne "Reenactment", bei der ein zausbärtiger Laienschauspieler vom budgetfreundlichen Balkan Kaiser Karl oder Papst Gregor mimt. Sind wir inzwischen wirklich so verblödet, dass wir glauben, so ließe sich Geschichte begreifen? Zumindest die Produzenten solcher Machwerke scheinen davon auszugehen.

Warten auf den nächsten Schuss


Gegen Unterhaltung ist ja gar nichts einzuwenden. Wohl aber dagegen, dass die "guten Gefühle" medial vor allem direkt und quasi intravenös verabreicht werden. Eigene Kompetenz zu erfahren, sich selbst etwas zu erarbeiten und dabei in "Aha-Momenten" Einsichten zu gewinnen, ist nämlich auch ein höchst befriedigender Weg zu guten Gefühlen zu kommen. Im Gegensatz zur Verabreichung von "Emotion pur" hat diese Form allerdings bleibenden Wert. Denn die Lust an der Einsicht - und das ist eine Lust - schafft den Anreiz, immer wieder neue Einsichten zu suchen und nicht darauf zu warten, bis einem ein medialer Dealer der Gefühle den nächsten Schuss anbietet.
Warum mich das in Wallungen bringt ?  Warum  das  wichtig ist ?  

Weil wir vor Problemen stehen, für deren Lösung es das ganze Hirn braucht und nicht nur dessen Gefühlsküche. Wer dem Eisbären Knut nachtrauert, hat noch keine Ahnung vom Klimawandel. Und wer Frau Merkel oder Herrn Steinbrück sympathisch findet oder halt auch nicht, versteht deshalb noch nichts von Demokratie und den Herausforderungen, in denen sie sich unausweichlich bewähren muss. Gefühligkeit ohne Maß ist nicht nur geschmacklos. Sie ist gefährlich.

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