Plattenfirmen sauer auf Internetkaufhaus

Musikdateien, die man in das Cloud-Drive lädt, können direkt aus dem Netz mit einem Webplayer abgespielt werden. Man kann also seine Musiksammlung ins Netz laden und sie von überall aus abspielen, auch auf Smartphones mit Android Betriebssystem.
Der Begriff Cloud bezeichnet einen virtuellen Raum, eine Wolke im Netz, in der ganz verschiedene Dinge passieren können. Zum Beispiel können in der Cloud Programme laufen, oder auch Daten abgelegt werden, die dann keine Kapazitäten des eigenen Rechners verbrauchen. Zum Beispiel kann man über Freemailprovider webbasierte E-Mail-Programme nutzen. Oder Google bietet die Möglichkeit mit Docs und mit Spreadsheets Office-Dateien direkt im Netz zu bearbeiteten. Auch Microsoft bietet abgespeckte Versionen von Word, Excel und Powerpoint mittlerweile im Netz an.
Da sieht man fast nicht mehr den Unterschied zwischen dem Word, was auf dem Rechner installiert werden muss. Und das ist auch das Ziel: Die Programme im Netz sollen aussehen wie ganz normale Programme und natürlich auch genau so gut funktionieren. Deshalb arbeitet Google auch schon seit einiger Zeit an einem Betriebssystem, was eigentlich nur noch ein großer Browser ist. Wenn man den Computer startet, verbindet sich der Browser mit dem Internet und stellt alle Programme zur Verfügung, die man braucht, ohne sie vorher installieren zu müssen.

 

Virtuelle Festplatte

 

Cloud Drive von Amazon funktioniert wie eine virtuelle Festplatte im Netz. Man kann Daten auf Cloud-Drive kopieren und überall, wo eine Internetverbindung zur Verfügung steht, auf die Daten zugreifen. Fünf Gigabyte werden kostenlos angeboten. Wer mehr will, muss zahlen. Das ist eigentlich nichts Neues. Solche virtuellen Festplatten im Netz gibt es mittlerweile von vielen Anbietern im Netz.
Einer der ersten Anbieter war Apple mit mobile.me. Das neue an dem Dienst von Amazon ist, dass man Musikdateien, die man in das Cloud Drive lädt, direkt aus dem Netz mit einem Webplayer abspielen kann. Man kann also seine Musiksammlung ins Netz laden und sie von überall aus abspielen, auch zum Beispiel auf Smartphones mit Android Betriebssystem.

 

Angst vor Raubkopien

 

Die Plattenfirmen haben jedoch zwei Probleme mit Cloud Drive. Einmal haben sie Angst davor, dass durch das Cloud Drive, einfacher Raubkopien verbreitet werden. Amazon hat natürlich in den AGBs, denen man zustimmen muss, wenn man Cloud Drive verwenden will, festgehalten, dass man nur Songs hoch laden darf, die man auch wirklich besitzt, wie mashable.com berichtet.
Überprüfen kann und will das aber niemand, vor allem nicht ohne in die Privatsphäre der User einzudringen.

 

Neue Nutzungsart

 

Allerdings bietet Amazon seinen Kunden auch an, einen Song, den sie bei Amazon gekauft haben, direkt auf das Cloud Drive des Users zu laden. Das ist das zweite Problem der Plattenfirmen. Sie sind überzeugt, dass der Download und das anschließende Abspielen mit dem Webplayer eine neue Nutzungsart ihrer Songs ist, die nicht durch die bestehenden Verträge zwischen der Musikindustrie und Amazon gedeckt ist. Die Musikindustrie bewertet den Musikplayer im Cloud Drive als Streaming-Dienst, für den Amazon eine neue Lizenz braucht. Die ist natürlich nicht kostenlos.
Amazon ist nicht der Meinung, dass es sich bei dem neuen Dienst um eine Form des Streamings handelt: "Wir brauchen keine Lizenz zum Speichern von Musik. Das ist dieselbe Funktion wie bei einer externen Festplatte", erklärte Amazons Musik-Direktor Craig Pape in der Onlineausgabe der New York Times.
Ganz interessant ist in dem Zusammenhang allerdings, dass, wie auf dem Blog cnet.com zu lesen ist, Amazon kurz vor dem Start ihres neuen Dienstes der Musikindustrie erklärt hat, was sie vorhaben. Dabei soll Amazon eine schnelle einvernehmliche Lösung des Lizenzproblems angestrebt haben, aber gleichzeitig klargemacht haben, dass man den Dienst auch ohne Lizenzvereinbarung starten würde. Diese könne auch noch später geschlossen werden.
Reine Streamingplattformen wie Spotify, Simfy oder Napster haben eine Lizenzvereinbarung mit der Musikindustrie. Allerdings eine andere als Amazon.

 

Lizenz für Streamingplattform

 

Bei den Streamingplattformen kann man nur Musik abspielen und nicht herunterladen. Bei Amazon konnte man bisher nur Musik herunterladen und nicht streamen. Im Gegensatz zu den reinen Streamingportalen spielt man bei Amazon aber nur im Netz Musik ab, die der Nutzer gekauft hat.
Dass das trotzdem ein Problem für die Musikindustrie ist, wird auch Amazon vorher gewusst haben. Das Unternehmen war nicht das erste, das die Idee hatte, mit einem Webplayer eigene Musik zu spielen. Schon Ende 2009 hat Apple zum Beispiel die Streamingplattform "Lala" gekauft und das scheinbar auch, um ihren Cloud-Dienst mobile.me mit einem Webplayer zu kombinieren, wie das Technik-Blog Techcrunch berichtet hat.
Auch Google arbeitet an einem Streaming-Player für die eigene Musik, kann man auf dem Blog netzwertig.com nachlesen.
Cnet.com berichtet weiter, das beide Firmen auch schon länger mit der Musikbranche verhandeln und dass das die Veröffentlichung ihrer eigenen Player verzögert. Amazon wollte also scheinbar mit ihrer "Augen-zu-und-durch"-Politik einfach schneller auf dem Markt sein als die Konkurrenz.
Sony hat eine Klage nicht ausgeschlossen, wie man auf der Webseite der Nachrichtenagentur Reuters nachlesen kann.
Ein ungenannter Musik-Manager kritisiert weiter in dem Artikel von Reuters die Vorgehensweise von Amazon: "Ich habe noch kein Unternehmen von dieser Größe gesehen, das zur selben Zeit einen Service ankündigt, veröffentlicht und erklärt, man sei gerade erst dabei, die passenden Lizenzen zu erlangen."

 

Einigung oder Klage

 

Zumindest in der Musikindustrie hat sich Amazon mit dem Vorgehen keine Freunde gemacht. Ob es Klagen geben wird, hängt jetzt davon ab, ob und wie schnell Amazon auf die Musikindustrie zugeht. Ob die Musikindustrie mit einer Klage auch erfolgreich sein würde, ist allerdings nicht klar.
Zwischen 2007 und 2008 gab es einen Rechtsstreit um das Internet-Portal MP3Tunes, das einen ganz ähnlichen Dienst angeboten hat wie Amazon es jetzt tut. Die Plattenfirma EMI hat gegen MP3Tunes geklagt, wie man auf wired.com nachlesen kann. Auch wenn MP3-Tunes keine Rolle mehr im Netz spielt, hat die Firma 2008 das Verfahren gegen EMI gewonnen.

 

Kein Verständnis bei den Nutzern

 

Im Netz wird überwiegend die Reaktion der Musikindustrie auf das Vorgehen Amazons kritisiert. Der Journalist Jörg Schieb schreibt auf seinem Blog: "Wie groß muss eigentlich die Verzweiflung der Musikindustrie sein? Da geht ein großer Vertriebspartner wie Amazon her und denkt sich etwas durchaus Schickes aus, einen neuen Service, der mehr Spaß an Musik bringen kann - und die Musikindustrie legt dem Onlineshop Steine in den Weg."
Der User Weipah kommentiert im Blog basicthinking.de: "Ich verstehe glaube ich Sonys Problem nicht so ganz. Ich streame meine eigene Musik, die ich selbst käuflich erworben habe?! Ist ja nicht so, als könnte ich die Lieder anderer Cloud-Teilnehmer auf mein Device streamen."
Der User Bergi 2002 weist im Forum des Online-Computermagazins nickles.de darauf hin, dass auch beim Kauf eines USB-Sticks oder einer Festplatte Gebühren an die Gema abgeführt werden. Er kann deshalb zumindest nachvollziehen, dass die Plattenfirma in dem Fall ein neues Lizenzmodell anstrebt.
Noch gibt ex den Cloud Player übrigens nur in Amerika. Es soll aber nicht lange dauern, bis er auch in anderen Ländern verfügbar ist, wenn Amazon nicht vorher gestoppt wird.



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